Malerei, konkret

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«Denn in anderer Weise als die Zürcher Konkreten, geht Ernst nicht von mathematischen oder rein geometrisch-struktrurellen Zusammenhängen aus, sondern findet den Ausgangspunkt ihrer Bilder immer in der Gegenstandswelt.»

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Die Intuition der Logik – über den Think Tank von Rita Ernst

Text: Dorothea Strauss

Das als «Think Tank» angelegte Kabinett im Rahmen der Einzelausstellung von Rita Ernst im Haus Konstruktiv war ein Wagnis. Nicht etwa, weil die Inszenierung – zumindest auf den ersten Blick – im Gegensatz zu ihrer Malerei überraschend persönlich anmutete. Vielmehr bestand das Risiko dieses Experimentes darin, dass Rita Ernst ihren Ideenfundus, ihre Inspirationsquellen derart offenlegte, dass das Verstehen davon, wie ihre Bilder aufgebaut sind und wodurch sie sich künstlerisch beeinflussen lässt, eine stark pädagogische Note erhielt. Nun mag man sagen, dass dies ja durchaus die Aufgabe eines Museums oder einer Ausstellung sein soll. Im Zusammenhang mit der für Rita Ernst so charakteristischen geometrisch-narrativ angelegten Bildsprache stellte sich aber tatsächlich die Frage, ob ein zu forciertes und persönlich orientiertes Beleuchten ihrer künstlerischen Ideen der Sache an sich nicht abträglich wäre. – Entweder deshalb, weil die autonome Wirkung der Bilder dadurch geschwächt werden könnte, oder aber – was noch heikler wäre – weil ein Zuviel an Backstageinfo zu gesucht erscheinen würde. Denn nicht nur Skizzen und Entwursfzeichnungen fanden sich an den Wänden, sondern vier Tischvitrinen waren zudem reich bestückt mit ganz verschiedenen Materialen.

Aufgrund dieser Überlegungen reagierte Rita Ernst zunächst auch nur zögerlich auf dieses kuratorische Projekt, doch um es gleich vorwegzunehmen: Der «Think Tank» war ein grosser Erfolg und hat sowohl für das Publikum als auch für die Künstlerin selbst einen nachhaltigen Effekt gehabt. Warum?

Bereits als junge Künstlerin beginnt sich Rita Ernst intensiv mit einer geometrischen Formensprache auseinanderzusetzen: Sie spielt mit Waagrechten, Senkrechten und Diagonalen und schreibt diese in ein Quadratraster ein, das ihr dann als Grundlage ihrer Gemälde dient, sie erprobt additive Strategien, Überlagerungen und kombinatorische Konstellationen. Ihren frühen Bildern gehen dabei stets seriell angelegte, systematische Studien auf Millimeterpapier voraus. Und weil Rita Ernst nicht nur in Trappani/Sizilien, sondern vor allem auch in Zürich lebt und arbeitet, werden ihre Werke automatisch immer wieder als Filiationen der Zürcher Konkreten rezipiert und in ihrer rationalen Anlage vor allem mit dem Schaffen von Richard Paul Lohse verglichen. Dies hat Vor- und Nachteile: Einerseits wird sie somit in einen kunsthistorisch anerkannten und lokal verankerten Kontext eingebunden. Dies festigt ihre künstlerische Anerkennung und Bedeutung für einen Generationen übergreifenden Dialog.

Andererseits aber schwächt der Vergleich mit Lohse oder auch mit Bill ihre eigene künstlerische Sprache, denn er greift inhaltlich wie formalästhetisch zu kurz und blendet ihre intuitiven und subjektiven Bildentscheidungen aus. Und genau diese individuell-subjektive Vorgehensweise wurde in dem «Think Tank» deutlich und nachvollziehbar. Denn in anderer Weise als die Zürcher Konkreten geht Ernst nicht von mathematischen oder rein geometrisch-strukturellen Zusammenhängen aus, sondern findet den Ausgangspunkt ihrer Bilder immer in der Gegenstandswelt. Es ist der Alltag, der sie jeweils zu einer neuen Arbeit, einer neuen Werkgruppe oder einer Farbwahl inspiriert; es ist ihr privates und kulturelles Umfeld, das ihr den Ideenfundus sichert.

Zum ersten Mal sehr deutlich wird das in ihrer Werkreihe zum «Progetto Siciliano», mit dem Rita Ernst Anfang der 1990er Jahre beginnt, als sie sich parallel zu ihrem Leben in Zürich einen zweiten Lebensmittelpunkt in Umbrien aufbaut. Fasziniert und inspiriert durch die italienischen sakralen und profanen Baudenkmäler arabisch-normannischer Herkunft, beschafft sie sich Pläne von Kirchen, Kathedralen, Palazzi und Gärten und transferiert diese dann in mehreren Arbeitsschritten in ihre Gemälde. Dieser Transfer bedeutet jedoch weit mehr als ein striktes Vorgehen nach Raumplänen. Rita Ernst greift zwar vorhandene Raum- und Massverhältnisse auf, doch konfrontiert sie diese mit einer eigenen und subjektiv orientierten, mithin originären Interpretation von Ordnungsprinzipien. Durch Rotation, Spiegelung und Verdopplung sowie mithilfe eines spezifischen Farbkanons gelingen ihr Kompositionen, die nur noch entfernt an ihre Vorbilder erinnern.

Auch in einer Werkreihe von horizontal-vertikal angelegten Kompositionen, die sie 1997 beginnt, wird dieser Prozess anschaulich: 1997 verliert Rita Ernst durch ein starkes Erdbeben in Umbrien ihr dortiges Atelier und zieht deshalb nach Sizilien. Unter Verwendung von seismografischen Aufzeichnungen des Erdbebens, die sie in einem Magazin sieht, nimmt sie die Arbeit an einer neuen Werkgruppe auf. Die auf vertikale und horizontale Strukturen aufgebauten Aufzeichnungen stellen den genauen Ort und die Zeit eines Erdbebens da. Beschleunigung, Geschwindigkeit und Bodenbewegung werden auf diese Weise dokumentiert. Das interessiert Rita Ernst, denn es ist immer wieder das Verhältnis zwischen Inhaltlichkeit und geometrischer Struktur, das die Künstlerin inspiriert.

Doch es kann auch eine kleine, in pistazienfarbenes Papier eingewickelte Süssigkeit sein, die sie vor einem Bild zu einer bestimmten Farbwahl inspiriert. Rita Ernst findet äussere Anlässe, um so zu weiteren, nämlich ihren spezifisch logisch-intuitiven, mathematisch-strukturellen, malerischen Überlegungen zu kommen. Eine Vielzahl jener Quellen, die die Künstlerin für ein neues Thema begeistern, konnten im «Think Tank» entdeckt werden. All diese Relikte, Herleitungen, Skizzen, Objekte des Alltags machten deutlich, dass es Rita Ernst gelingt, die Grenzen zwischen der äusseren Welt und ihrer strukturellen Ordnung zu verwischen, und sie in eine reine Malerei zu überführen.

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