Progetto Tunisino, 2008–2012

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Ausstellung bis 30. Juni 2012 in der Galerie Walter Keller, Oberdorfstrasse 2, 8001 Zürich

Die Künstlerin Rita Ernst (*1956) zeigte in der Galerie Walter Keller eine Serie von Gemälden, welche in Zürich noch nie zu sehen war. Rita Ernst ist seit ihrer Ausstellung im Haus Konstruktiv in Zürich im Jahr 2009 auch einem breiteren Kunstpublikum bekannt.

2008 wurde die in Sizilien und Zürich lebende Künstlerin von Senatore Ludovico Corrao von der sizilianischen Stiftung Fondazione Orestiadi nach Tunesien eingeladen. Schon in Sizilien haben die ornamentalen Muster von alten Keramik-Bodenplatten ihre Aufmerksamkeit erweckt. In Tunesien verdichtet sich die Faszination zu einer neuen Werkgruppe – wie bei früheren ausgehend von bestehenden architektonischen Strukturen und Grundrissen von Gebäuden.

Die omnipräsenten, abstrakten Muster islamischer Baukunst verbinden sich in den entstehenden Bildern mit der Formensprache der Abstraktion, die wir in unserem Kunstverständnis gerne als „konkret“ bezeichnen, ohne immer genau zu wissen, was genau wir damit meinen.

Auf die aus der arabischen Welt stammenden Symmetrien und ohne rechten Winkel auskommenden Abfolgen von Mustern legt Ernst Grundrisse von Moscheen. Diese den Gesetzen der Architektur und Mathematik folgenden Strukturen legt sie bis auf ihren essenziellen Kern frei. Im Ergebnis entstehen Bilder, die arabisches und westliches Formenverständnis in einer einzigen Leinwand miteinander sprechen lassen.

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Sich die Freiheit nehmend, welche uns an der Kunst so gefällt, greift Rita Ernst bei manchen Bildern noch einmal ein und appliziert eine dritte Schicht aus Glas- und Kunststoffsteinen oder aus kleinformatigen Spiegelstücken. In letzteren spiegeln sich Fragmente des Betrachters – eine subtile Anmerkung zum islamischen Verbot der Menschendarstellung, freilich eine abstrakte und nicht-narrative. Diagonalen, Kreise, horizontale und vertikale Linien legen sich über das ursprüngliche Bild, bilden neue Muster.

Stellt man seine Augen auf Nah-, dann auf Fernsicht, wird die zweidimensionale Leinwand räumlich, die Bilder bewegen sich dreidimensional vor und zurück.

Das dominierende Licht- und Farbspektrum der Bilder ist bewusst eng gehalten, aus dieser Beschränkung kann sich der Bildraum erst recht frei entfalten: Differenzierung entspringt dem Verzicht auf die verführerische Variabilität der Farbpalette. Bleiche und kräftige Farben neigen sich einander zu und begleiten sich wohlwollend in diesen Bildern.

Die so entstandenen Gemälde erschliessen sich uns im gemächlichen Rhythmus. Die Bilder nehmen sich ihre Zeit und fordern sie auch vom Betrachter. Wer die Zeit hat, dem begegnen sie an der Wand als Fenster zu einer Welt voll hellem Licht und fragiler Durchlässigkeit. Schöne Bilder, abstrakt-konkret und ornamental zugleich: nur scheinbar ein Widerspruch, wie Rita Ernst uns zeigt.

Text: Walter Keller

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