Rhythmen

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Wo liegt der Grund verborgen, dass ein eigentliches «Baukastenprinzip» eine solche Schwerelosigkeit und Komplexität fördert, aus einer Spielform ein Kunstwerk wird ?

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Rhythmen I–XVI

Text: Guido Magnaguagno

Die zwischen April 1989 und Dezember 1990 entstandenen sechzehn Bilder gleichen Formats von Rita Ernst stellen eine in sich geschlossene Arbeit dar. Das System zu diesen querformatigen, rot-schwarzen Quadrat-Linien-Strukturen, je 120 x 200 cm, führt den offiziellen Titel «Waagrecht-Senkrecht-Rhythmus». Damit ist nichts zum Gesetz des Bildaufbaus ausgesagt, damit ist keine «Lesehilfe» zur Entschlüsselung der Bildordnung gegeben.

Dieser Titel verlang im Gegenteil einen Betrachter, der sich erst einmal auf die Bildwirkung einlässt, der sich spontan und gleichsam ungebildet-unbeschwert den optischen Reizen hingibt. Er wird rasch konstatieren, dass sich trotz gleichbleibendem Grundmuster eine überraschende Varietät an Erscheinungsformen einstellt. So meint auch die Künstlerin, die einmal gefundene und zu ihrem Ende geführte Auslegeordnung habe sich für die sechzehn Variationen als ausgesprochen tragfähig erwiesen, hätte aber gleichwohl «harmonischere» oder «spannendere», also dissonante und eher stille Bildformen gezeugt.

So ein Bildsegen fällt auch bei Rita Ernst nicht einfach vom Himmel. Eine neue Werkgruppe entwickelt sich immer aus bereits vorhandenen Arbeiten, und das heisst, dass man bis in ihre künstlerische Anfänge um 1980 zurückblättern muss, als die 1956 in Windisch geborene, seit gut zehn Jahren in Zürich arbeitende Künstlerin schlagartig die Szener der «Zürcher Konkreten» belebte. Das System ergibt sich erst im Lauf der Arbeit, und das heisst, aus neuen Zusammenstellungen oder Kombinationen alter Bildordnungen. Es ergibt sich immer aufgrund zeichnerischer Ideen und Recherchen, als Ergebnis von Einfällen, was den einfachen Grundmustern wie Quadrat und Linie noch alles – etwa aus dem Zerschneiden und neu Zusammensetzen oder Übereinanderlegen alter «Musterbögen» – abzugewinnen wäre.

Im vorliegenden Fall wählte die Künstlerin als Grundstruktur quadratisch Felder von zwanzig Zentimeter Seitenlänge und innen an den Rändern eingeschriebene Linienstücke von zehn Zentimeter Länger und zwei Zentimeter Breite. Diese besetzen hintereinander im Uhrzeigersinn die acht möglichen Plätze, bevor sie sich verdoppeln, verdreifachen etc., bis das Quadrat beim Feld 57 geschlossen ist. Da Rita Ernst nun diese 57 Einzelteile nach freier Entscheidung in sechs untereinanderliegende Horizontalbänder von je zehn Feldern gruppiert, ergibt sich die Ausdehnung von 120 cm Höhe und 200 cm Breite sowie ein Rest von drei leeren Feldern.
Die Wirkung des Bildganzen ist zum einen zweifellos von der Farbsprache bestimmt, zum anderen durch das Aufeinandertreffen der Einzelquadrate, was Effekte von Verdoppelungen der Linien wie umgekehrt ihrem gänzlichen Fehlen ergibt. Die quadratischen Grundteile sind dabei kaum mehr sichtbar, und anstelle von Quadraten ist vielmehr eine Netzstruktur das optische Hauptereignis. Eine Struktur, die trotz ihrer Gesetzmässigkeiten intensiv lebt, vibriert und Rhythmen freisetzt, die musikalischen Konotationen verwandt erscheinen.

Rationale Prinzipien und eine basishafte Intuität verbinden sich zu einer Gesamtwirkung, in der Mentorinnen wie Sophie Taeuber-Arp und Verena Loewensberg anklingen, aber auch die erfrischende Unbekümmertheit einer Künstlerin, die vielleicht mehr mit «Lovely Rita» der Beatles gemein hat als mit Zürichs «Konkreten».

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