2013

Walter Keller – Rita Ernst – Progetto Tunisino,
2008 – 2012

Die Künstlerin Rita Ernst (*1956) zeigt eine Serie von Gemälden, welche in Zürich noch nie zu sehen war. Rita Ernst ist seit ihrer Ausstellung im Haus Konstruktiv in Zürich im Jahr 2009 auch einem breiteren Kunstpublikum bekannt.

2008 wurde die in Sizilien und Zürich lebende Künstlerin von Senatore Ludovico Corrao von der sizilianischen Stiftung Fondazione Orestiadi nach Tunesien eingeladen. Schon in Sizilien haben die ornamentalen Muster von alten Keramik-Bodenplatten ihre Aufmerksamkeit erweckt. In Tunesien verdichtet sich die Faszination zu einer neuen Werkgruppe – wie bei früheren ausgehend von bestehenden architektonischen Strukturen und Grundrissen von Gebäuden.

Die omnipräsenten, abstrakten Muster islamischer Baukunst verbinden sich in den entstehenden Bildern mit der Formensprache der Abstraktion, die wir in unserem Kunstverständnis gerne als „konkret“ bezeichnen, ohne immer genau zu wissen, was genau wir damit meinen. 

Auf die aus der arabischen Welt stammenden Symmetrien und ohne rechten Winkel auskommenden Abfolgen von Mustern legt Ernst Grundrisse von Moscheen. Diese den Gesetzen der Architektur und Mathematik folgenden Strukturen legt sie bis auf ihren essenziellen Kern frei. Im Ergebnis entstehen Bilder, die arabisches und westliches Formenverständnis in einer einzigen Leinwand miteinander sprechen lassen.

Sich die Freiheit nehmend, welche uns an der Kunst so gefällt, greift Rita Ernst bei manchen Bildern noch einmal ein und appliziert eine dritte Schicht aus Glas- und Kunststoffsteinen oder aus kleinformatigen Spiegelstücken. In letzteren spiegeln sich Fragmente des Betrachters – eine subtile Anmerkung zum islamischen Verbot der Menschendarstellung, freilich eine abstrakte und nicht-narrative. Diagonalen, Kreise, horizontale und vertikale Linien legen sich über das ursprüngliche Bild, bilden neue Muster.

Stellt man seine Augen auf Nah-, dann auf Fernsicht, wird die zweidimensionale Leinwand räumlich, die Bilder bewegen sich dreidimensional vor und zurück.

Das dominierende Licht- und Farbspektrum der Bilder ist bewusst eng gehalten, aus dieser Beschränkung kann sich der Bildraum erst recht frei entfalten: Differenzierung entspringt dem Verzicht auf die verführerische Variabilität der Farbpalette. Bleiche und kräftige Farben neigen sich einander zu und begleiten sich wohlwollend in diesen Bildern.

Die so entstandenen Gemälde erschliessen sich uns im gemächlichen Rhythmus. Die Bilder nehmen sich ihre Zeit und fordern sie auch vom Betrachter. Wer die Zeit hat, dem begegnen sie an der Wand als Fenster zu einer Welt voll hellem Licht und fragiler Durchlässigkeit. Schöne Bilder, abstrakt-konkret und ornamental zugleich: nur scheinbar ein Widerspruch, wie Rita Ernst uns zeigt.

Walter Keller *27. Dezember 1953 in Uster, † 1. September 2014 in Zürich, war ein Schweizer Journalist, Verleger und Galerist

Iso Camartin – Die Enge, die Weite

Zur Ausstellung KONSTRUKTIVE WEITE von Rita Ernst im Museum Chasa Jaura im Sommer 2013

Zum Aufsetzen des Fußes braucht man nur eine kleine Stelle, 
man muss aber freien Raum vor den Füßen haben,
dann erst kommt man voran. 
Chuang-tzu(ca. 365-286 v. Chr.)

Man hält die Provinz – im Vergleich mit städtischen Zentren – oft für eng, rückständig und vergangenheitsfixiert. Dies ist eine oberflächliche, die Realitäten meist verfälschende Wahrnehmung. Gerade in Zonen, wo politische Grenzen verlaufen, wo verschiedene Sprachen und Kulturen einander begegnen, wo unterschiedliche Konfessionen und Traditionen aufeinander stoßen, ist der kulturhistorische Ertrag meist überraschender und origineller, als wir es vermuten. Grenzregionen sind osmotische Gebilde, durchlässig und geprägt von der Neugierde, wie und wo den Nachbarn und Grenzgängern vorteilhaft etwas abzugewinnen und abzuluchsen wäre. Die Tourismusbranche verspricht sich allerdings mehr davon, die Gegebenheiten zu idyllisieren. So lesen wir etwa über die Region, die uns hier interessiert: „Das idyllische Val Müstair ist eine eigene kleine Welt jenseits des Ofenpasses. Mit seinen sattgrünen Wiesen und gepflegten Dörfern bietet es einen Kontrast zur wilden Natur des nahen Nationalparks.“ Das wollen wir gewiss nicht gänzlich bestreiten. Nur scheint es mir nicht das Spezifische solcher Orte zu treffen. Und deshalb fragen wir hier auch nicht so sehr nach dem äußeren Anschein von Bergen und Wiesen und von Dörfern und Gärten, sondern welche Formen das Universelle, also das, was alle Menschen in ihrem Leben treibt, bewegt und bestimmt, im Münstertal angenommen hat.

Mindestens zwei Orte haben in diesem Tal den Vorzug gehabt, in den Zugwind universeller Strömungen zu geraten und von diesen geprägt zu werden. Man sagt zwar: „Der Geist weht, wo er will.“ Aber es kommt vor, dass er an bestimmten Orten Zeugnisse seines Wehens hinterlässt, während an anderen die Geschichte wieder alles Entstandene und einst Bewirkte abträgt, einebnet und in den Naturzustand zurückführt. Ob nun Karl der Große gegen Ende des 8. Jahrhunderts der Gründer von Kirche und Kloster St. Johann in Müstair war oder nicht – es gibt für diese kaiserliche Stiftung archäologische Evidenz ebenso wie eine eindrückliche Legendentradition -: dass hier etwas in diesem Tal gewachsen ist, das Seinesgleichen im weiten Umkreis sucht, wird jedem heutigen Besucher der Klosteranlage schnell klar. Als ich als Benediktinerschüler zum ersten Mal in der Mittelapsis der Klosterkirche die tanzende Salome aus spätromanischer Zeit entdeckte, spürte ich: Hier hat ein Künstler in einem liturgischen Raum sein gewagtestes Stück abgeliefert; hier hat jemand seine kühnsten Visionen in den Dienst seines Auftrags gestellt. An keinem europäischen Hof des frühen 13. Jahrhunderts wurde vermutlich frecher und mutiger gemalt als hier, davon war und bin ich überzeugt. Und als ich später einmal die Gelegenheit bekam, an der Westwand den Engel zu entdecken, der am Ende der Tage den Himmel einrollt, wenn über Heilige und Sünder das Weltgericht einbricht nach dem Wort der Offenbarung: „Der Himmel verschwand wie eine Buchrolle, die man zusammenrollt, und alle Berge und Inseln wurden von ihrer Stelle gerückt“- da war ich mir sicher: Nirgends auf der Welt war so eindrücklich wie in diesen karolingischen Malereien zu erleben, wie sich die Menschen damals das Ende der Zeiten vorgestellt haben. Wenn spätere Eingriffe ins Bildprogramm auch vieles an dieser imposanten Darstellung der Endzeit unwiederbringlich zerstört haben, solange der wehende Mantel des vom Himmel in die Welt stürmenden Erlösers noch sichtbar ist, bleibt uns auch der kühne Schwung der Vorstellungskraft und der Erwartungen von damals noch ahnbar. Mich bestärkt das Bild noch heute in der Hoffnung, dass es irgendwo und irgendwann so etwas wie einen Mantelzipfel von ausgleichender Gerechtigkeit geben wird.

Der zweite Ort, an dem mir im Münstertal etwas – hier nun schwergewichtig Diesseitiges – an Weltzusammenhängen in die Nase steigt, ist die Chasa Jaura in Valchava. Heimatmuseen haben den Ruf, in endlosen Wiederholungen Gegenstände aus der Lebens- und Arbeitswelt vergangener Zeiten uns vor Augen zu führen. Nun, solche Dinge findet man gewiss auch in diesem interessanten Haus aus dem 17. Jahrhundert, das heute als Talmuseum den Besuchern Einblick in die Lebensformen, die „Materialbeherrschung“, ja den Gestaltungs- und den Spieltrieb früherer Generationen gibt. Wir finden die schöne Stube, die schwarze Küche, die Hammerschmiede, die Alpkäserei, höchst überraschende Lagerräume, eine Dachtenne, alle bestückt mit exemplarischen Gegenständen – gottlob nicht zu voll gepfropft, sondern geschickt ausgewählt und platziert. Wer also die Materialkultur früherer Jahrhunderte sucht, wird hier fündig. Doch seit Inge Blaschke als Gestalterin und Kuratorin des Hauses wirkt – und das sind inzwischen 25 Jahre –, hat eine Neubestimmung des traditionell orientierten Heimatmuseums stattgefunden. Sie zeigt in jedem Sommer – im Kontrast zu den Museumsbeständen – eine Ausstellung moderner Kunst. Sie sucht sich dabei Künstlerinnen und Künstler aus, welche auf einen Dialog, eine Konfrontation, eine Wahrnehmungserweiterung sich einzulassen bereit sind, indem sie ihre Kunstobjekte – Bilder, Skulpturen, Installationen – mit den traditionellen Räumlichkeiten und Gegenständen des Hauses verbinden. Dieses Konzept funktioniert erstaunlich gut, sorgt bei den Besuchern des Hauses für unerwartete Einblicke und Erfahrungen, die von der Verwunderung bis zum Schock, von der Betroffenheit durch seltsame Entsprechungen bis zum befreienden Lachen über freche Provokationen reichen. Das jeweilige Ausstellungsprogramm des Hauses wird angereichert mit Musik- und Theaterabenden, mit Lesungen, Buchvernissagen und Diskussionsrunden. Man darf also erwarten, dass Inge Blaschke von Sommer zu Sommer das Haus wieder so zurichtet, dass für Nachdenklichkeit wie für Heiterkeit, für die Erfahrung des Schönen wie des Skurrilen durch diesen Dialog zwischen alt und neu gesorgt ist. Manchmal kommen die gestaltenden Künstler aus dem fernen Ausland und tragen klingende Namen der internationalen Kunstszene. Gelegentlich gibt sie auch einem einheimischen Künstler des bündnerischen Alpenraums die Gelegenheit, das Museum mit seinen neuesten Werken während einer Saison zu „bespielen“. So sah man vor zwei Jahren hier eine Ausstellung, wo die farbig kräftig aufgetragenen und robusten Bilder des Zernezer Künstlers Jacques Guidon bewiesen, wie farbige Kühnheit der schwarz-grauen Realität von Steinmauern und dunklem Holz die Stirne zu bieten vermag.

Für den Sommer 2013 hat Inge Blaschke die Künstlerin Rita Ernst eingeladen, die Räume, Wände, Nischen, Gänge, Treppen und Verstecke der Chasa Jaura durch ihre Bilder auszuloten. Man könnte auch sagen: die Gegebenheiten heimzusuchen und aufzulichten. Rita Ernst ist eine sogenannte „konstruktive“ Künstlerin, die seit vielen Jahren mit Farben und Formen Balancespiele des Sehglücks erfolgreich erprobt. Die Künstler, die sich der sogenannten „konkreten Kunst“ widmen und sich jede Gegenständlichkeit  und figurale Feststellbarkeit versagen, haben meistens ein Grundanliegen. Sie wollen mit ihren Linien und Quadraten, mit ihren Kreisen und Rhomben in Licht- und Schattenfeldern unsere Augen in die Sehschule schicken. Was auf den ersten Blick manchmal als rein dekoratives Formenspiel erscheint, als ornamentale Fingerübung oder als virtuose Kombinatorik von Licht- und Schatteneffekten, entpuppt sich bei näherem Hinsehen dann doch als ein hartes Ringen des Künstlerauges um optimale Gewichtungen, um ein hintergründiges Kräftemessen, um eine Flächen- und Raumgestaltung höherer Ordnung. Ich gestehe ganz offen, dass ich mit konkreter Kunst dann gewisse Mühe habe, ja dass an ihr meine Neugier schnell ermüdet, wenn sie sich nur als algebraisches oder geometrisches Spielmotiv entpuppt, wenn alles historisch Konkrete sich in die vollkommene Abstraktion zurückgezogen hat, wenn die Bilder gleichsam ihrer Geschichte beraubt wurden, mir nichts mehr erzählen und nur noch die Illustration eines ideal-mathematischen Maßes oder Verhältnisses sind. Bestaunen kann man solche „l’Art pour l’Art“-Spiele freilich immer noch. Ob man nichtige Beliebigkeiten des Zufallspiels oder die wirkungsstarken Versuche, die Welt zum „Design“ zurückzustufen aber auch wirklich lieben kann?

Bei den „konstruktiven“ Bildern von Rita Ernst kommt zu Könnerschaft und Artistenglück im Formenspiel etwas Wesentliches hinzu, das auch sogleich spürbar wird und mich unmittelbar ergreift: Ihre Sehnsucht nach konkreter Landschaft und Kultur, ihr Hang zu historisch gewachsener Architektur und deren unterschiedlichen Formensprachen, ihre Liebe zu unverwechselbaren Bauten des Nordens und des Südens, ihre Neugierde und Faszination für Errungenschaften der christlichen oder der islamischen Kultur. Man kann dies am Besten an den Bildern illustrieren, welche die Künstlerin für ihre Ausstellung in der Chasa Jaura ausgesucht hat. Rita Ernst betreibt eine Kunst, die ihre Inspirationsquellen nicht verleugnet. Es ist vielmehr eine Klärung, die als Arbeitsprozess und Auseinandersetzung mit einer Gegebenheit die Bilder entstehen lässt. Das kann ein Gebäude sein oder auch nur ein Fußboden, ein Fensterrahmen oder die Balkenstruktur einer Zimmerdecke. Besonders angetan ist sie von architektonischen Bauplänen, von Säulenanordnungen und Arkadenreihen.  Wir wissen, dass Rita Ernst eine Art Doppelleben führt: eines in ihrem Atelier in Zürich, ein zweites im sizilianischen Trapani. Auch reist sie gern durch europäische Städte und südlich-mediterrane Kulturlandschaften. Doch Rita Ernst reist mit einem besonderen Wahrnehmungsblick für das, was dem touristisch Reisenden meist vollkommen unsichtbar bleibt. Sie entdeckt Hintergrundstrukturen, Konstruktionsprinzipien, Baupläne bedeutender Kirchen und Moscheen, die dann eine Art Grundraster sind für das, was sie mit ihren Bildern erst sichtbar machen wird. Darum stimmt der Titel ihrer Ausstellung in der Chasa Jaura auch so genau: „KONSTRUKTIVE WEITE“ – das ist es wirklich! Der Blick der Rita Ernst greift weit aus und um sich, bevor die „Konstruktion“, die Bildbautätigkeit bei ihr einsetzt.

Wer jetzt die Chasa Jaura betritt, wird schon im Eingang mit einem Bild konfrontiert, das zu Rita Ernst’s „Progetto Siciliano“ gehört. Darin spielen Kirchen und Kathedralen, Paläste und Paradiesgärten ebenso eine Rolle  wie Einrichtungsgegenstände von Villen und Adelshäusern. Das Wechselspiel von Licht und Schatten durch die sizilianischen Tages- und Nachtstunden findet seine Spiegelungen darin ebenso wie der Goldgrund byzantinischer Mosaiken oder das Farbenspektrum illustrierter Stundenbücher des späten Mittelalters. Viel Emotionen sind in diesen südlichen „Konstruktionen“ von Rita Ernst verarbeitet. Man müsste eigentlich sagen: ausgelebt und nachfühlbar gemacht. Wir werden ziemlich heftig europäisch „herumgewirbelt“ beim Gang durch die Chasa Jaura. Im großen Saal etwa gehen die Impulse vom Kloster Sankt Johann in Müstair aus, aber auch vom Aachner Dom, sodass uns Karl der Große dort doppelt listig winkt und grüßt. Stüva, Gänge, Treppen, Obergeschoss und Estrich: Überall erreicht uns ein anderes europäisch-mediterranes Signal und zwingt uns zum Rätseln, zum Suchen, oder auch nur zum Staunen und Genießen. Im Schlafzimmer des oberen Stocks befällt uns im Anblick der Bilder eine sich ausbreitende Ruhe, eine sich nach Innen wendende Sehnsucht, ein geradezu „nirwanisches“ sich Tasten durch eine Traumlandschaft. Im Estrich werden wir kräftig wieder geweckt und ins bunte Leben zurück geschickt. In der Käserei nimmt uns die Künstlerin sogar bis nach Tunis mit.  In orientalischer Lichtqualität und Ornamentik blicken uns die Gerätschaften zur Käseherstellung auf einmal an, als habe die Chasa Jaura ihnen endlich den feiertäglichen Ruhetag beschert. Und die vielleicht erstaunlichste Erfahrung dieser Begegnung von Heimatmuseum und visionärem Blick in andere Räume, Zeiten und Kulturen dürfte sein, dass an den Mauern und Türen des alten Hauses diese Bilder von Rita Ernst wie magische Fenster wirken, die uns mitten aus der Enge eines alten Bauernhauses in ganz ferne Weltteile locken, die uns etwas versprechen, was man die Sehnsucht nach dem Märchenhaften und Mysteriösen, nach dem Lichten und Leichten nennen möchte. Oder aber: Die Sehnsucht nach dem, was uns eben nicht das reale Leben bietet, sondern worauf nur die Kunst unser Verlangen und Begehren auszurichten vermag.

Hier liegt für mich die Kernerfahrung dieser Begegnung von Heimatmuseum mit der Kunst von Rita Ernst: Ein Heimatmuseum treibt von seinem Wesen und Ziel her  Erinnerungskultur, muss dies auch tun, um der Schnelllebigkeit und Vergesslichkeit unseres Alltags ein bisschen heimzuleuchten! Die Bilder von Rita Ernst dagegen befördern „Visionskultur“, sind meditative Einübungen in etwas, das nicht vorbei ist, sondern das es täglich neu zu entdecken gilt. Allem voran die Schönheit, die das Leben uns zu bieten hätte, wenn wir nur richtig zu sehen vermöchten. Wir lernen, diese Schönheit zu entdecken durch den Nahblick und den Fernblick. Gerade das Reisen weckt unseren Hunger nach Schönheit in nachhaltiger Weise. Seit die Bilder der Rita Ernst im Museum der Chasa Jaura hängen, muss man den Museumsbesuch im Münstertal als eine Reise ansehen mit unerwartet sich bietenden Ein- und Ausblicken in den Reichtum, den die Welt unseren Sinnen und unserem Geist in immer neuen Formen als Lebenschance bietet. Wir brauchen beide: die Geschichte und unsere Imaginationskraft, um die Zukunft zu bewältigen. Und schon gar brauchen wir Realität und Vision, um in diesem Leben irgendwann doch noch unser Glück zu finden. Es gibt Bilder von Rita Ernst, die Glück und Schicksalsdankbarkeit ausstrahlen. Vielleicht sehe ich sie gerade darum so gern.

Neulich hatte ich einen seltsamen Traum. Ich besuchte die Chasa Jaura und die Ausstellung von Rita Ernst mit einem chinesischen Mann. Er war kleinwüchsig, musste sich bei den Türdurchgängen nirgends bücken, trug über weißem Hemd und Hose einen weiten schwarzen Mantel, hatte einen wundersam gepflegten Bart im Gesicht und das Haupthaar zu einem Knoten gebunden. Er sah so aus, wie ich es von Tuschzeichnungen alter chinesischer Philosophen und Weisheitslehrer kenne. Während unseres Streifzugs durch die Gänge und Museumsräume sprach er kein Wort, sondern lächelte nur freundlich und nickte den Bildern von Rita Ernst irgendwie verehrungsvoll zu, tat dies aber auch dem Webstuhl gegenüber, der Kinderwiege, den Milchbehältern in der Käserei, so als wolle er dem, was er hier begegnet, seine Sympathie und Zustimmung bezeugen. Als wir das Haus verlassen hatten, sagte er mir auf der Freitreppe der Chasa Jaura in akzentfreiem Deutsch: „Groß ist die Nützlichkeit des Unbrauchbaren“, lächelte und verschwand.

Iso Camartin *24. März 1944 in Chur, lebt als Schriftsteller und Publizist in Zürich, Disentis und New Jersey, USA