2010

Thomas Müllenbach

Thomas Müllenbach                                                                                                                                                                   Zürich, 26. Juli 2010

Rita mit Ernst bei der Aneignung der Grundrisse
und Ornamente sowie deren Entgrenzung  mehr oder weniger farbige Strukturen.

„Palmström denkt die Alpen sich als Kubus…
Und besteigt sie so, mit seinem Tubus.
Dreiundsechzig Hektometer
überm Spiegel seiner Wohnung steht er –
sieht die Gasschiff – Flotte der Korona
und erblickt das Mondschaf in persona.“
(Christian Morgenstern: Alpinismus ll, Angewandte Wissenschaft)

Nein weder das Mondschaf noch Gasschiff – Flotten sind auf ihren Bildern auszumachen dagegen viel flach gemachte Kubatur. Die dritte Dimension wird von den Farben weggeputzt: orange und türkis oder rot und grün oder coelin und kobaltblau, neapelgelb bis chromgelb manchmal violett behaupten die Felder – meist streng getrennt durch weiss, grau, schwarz oder den unbunten Metallfarben Gold, Silber, Kupfer, wobei Gold in einigen Werkgruppen den Goldhintergrund der Gotik und des Quattrocento als idealistischen, überirdischen Raum übernehmen: der Gedanke übe der Beobachtung. Ansonsten scheint es bei den Metallfarben weniger um den Wert der Edelmetalle als vielmehr um deren Neutralisierungs- und Spiegelungs  – Potenzial für die „farbigen“ Farben zu gehen.

Rita wehrt sich ernsthaft für die Farben und gegen die strikte Zuordnung ihrer Malerei zu Konstruktivismus und konkreter Kunst. Die Überführung architektonischer Grundrissstrukturen und arabisch ornamentaler Keramik in geometrisch malerische Ausbalancierung ist ihr Anliegen  –  die Entgrenzung funktionaler Harmonien in funktionslos selbstgenügsame Bilder einer abstrakten Musik entsprechend. Nicht die Oper ist das Thema sondern die handlungslose Sonate, nicht die Überwältigung sondern Verführung wird angestrebt.

Einige Bilder könnten durchaus als Notationen zeitgenössischer Musik durchgehen; ihre dekonstruktive Malerei bewegt sich rhythmisch. Diese Rhythmen setzen sich häufig über die Bildränder fort, sie erinnern in ihrer komplexen Wiederholung und Abweichung manchmal an islamische Moscheen, in denen die Statik der schweren Säulen durch die All-over – Ornamentik aufgehoben scheint: die tanzende, weltbeinhaltende Geometrie setzt sich ins Weltall fort, bei Rita Ernst ebenfalls mit Abbildungsverbot allerdings ohne jede transzendentale Behauptung. Andererseits findet auch keine aufgeklärt kühle Berechnung statt vielmehr ein lustvoll weiterspinnendes Geometrisieren.

Erst bei der neuesten Werkgruppe über Grundrisse von Mies van der Rohe erscheinen keine Primärfarben mehr, der Architektur – Grossmeister der Moderne hat sie ihr offenbar ausgetrieben zugunsten von schwarz/weiss sowie differenzierter Beige – und  Grau – Töne und eines altgoldenen Ockers, das kein Jenseits mehr verspricht. Es scheint kein Zufall, dass sie sich bei seinen Werken bedient und nicht beim Beton – Barock von z.B. Le Corbusier, denn eine gewisse Strenge ist ihr – bei allem geometrischen Fabulieren – Programm (zumindest für die Ausgangslage).

Ob Alice hinter den Spiegeln,
Rita über den Grund – Rissen
Wir werden gern verführt –
Und möchten doch noch wissen,
wie.

Thomas Müllenbach *20. Dezember 1949, Koblenz, D, ist ein Künstler