Dorothea Strauss

Die Intuition der Logik / 2009

Über den «Think Tank» von Rita Ernst im Haus Konstruktiv

Das als «Think Tank» angelegte Kabinett im Rahmen der Einzelausstellung von Rita Ernst im Haus Konstruktiv war ein Wagnis. Nicht etwa, weil die Inszenierung – zumindest auf den ersten Blick – im Gegensatz zu ihrer Malerei überraschend persönlich anmutete. Vielmehr bestand das Risiko dieses Experimentes darin, dass Rita Ernst ihren Ideenfundus, ihre Inspirationsquellen derart offenlegte, dass das Verstehen davon, wie ihre Bilder aufgebaut sind und wodurch sie sich künstlerisch beeinflussen lässt, eine stark pädagogische Note erhielt. Nun mag man sagen, dass dies ja durchaus die Aufgabe eines Museums oder einer Ausstellung sein soll. Im Zusammenhang mit der für Rita Ernst so charakteristischen geometrisch-narrativ angelegten Bildsprache stellte sich aber tatsächlich die Frage, ob ein zu forciertes und persönlich orientiertes Beleuchten ihrer künstlerischen Ideen der Sache an sich nicht abträglich wäre. – Entweder deshalb, weil die autonome Wirkung der Bilder dadurch geschwächt werden könnte, oder aber – was noch heikler wäre – weil ein Zuviel an Backstageinfo zu gesucht erscheinen würde. Denn nicht nur Skizzen und Entwursfzeichnungen fanden sich an den Wänden, sondern vier Tischvitrinen waren zudem reich bestückt mit ganz verschiedenen Materialen.

Aufgrund dieser Überlegungen reagierte Rita Ernst zunächst auch nur zögerlich auf dieses kuratorische Projekt, doch um es gleich vorwegzunehmen: Der «Think Tank» war ein grosser Erfolg und hat sowohl für das Publikum als auch für die Künstlerin selbst einen nachhaltigen Effekt gehabt. Warum?

Bereits als junge Künstlerin beginnt sich Rita Ernst intensiv mit einer geometrischen Formensprache auseinanderzusetzen: Sie spielt mit Waagrechten, Senkrechten und Diagonalen und schreibt diese in ein Quadratraster ein, das ihr dann als Grundlage ihrer Gemälde dient, sie erprobt additive Strategien, Überlagerungen und kombinatorische Konstellationen. Ihren frühen Bildern gehen dabei stets seriell angelegte, systematische Studien auf Millimeterpapier voraus. Und weil Rita Ernst nicht nur in Trappani/Sizilien, sondern vor allem auch in Zürich lebt und arbeitet, werden ihre Werke automatisch immer wieder als Filiationen der Zürcher Konkreten rezipiert und in ihrer rationalen Anlage vor allem mit dem Schaffen von Richard Paul Lohse verglichen. Dies hat Vor- und Nachteile: Einerseits wird sie somit in einen kunsthistorisch anerkannten und lokal verankerten Kontext eingebunden. Dies festigt ihre künstlerische Anerkennung und Bedeutung für einen Generationen übergreifenden Dialog.

Andererseits aber schwächt der Vergleich mit Lohse oder auch mit Bill ihre eigene künstlerische Sprache, denn er greift inhaltlich wie formalästhetisch zu kurz und blendet ihre intuitiven und subjektiven Bildentscheidungen aus. Und genau diese individuell-subjektive Vorgehensweise wurde in dem «Think Tank» deutlich und nachvollziehbar. Denn in anderer Weise als die Zürcher Konkreten geht Ernst nicht von mathematischen oder rein geometrisch-strukturellen Zusammenhängen aus, sondern findet den Ausgangspunkt ihrer Bilder immer in der Gegenstandswelt. Es ist der Alltag, der sie jeweils zu einer neuen Arbeit, einer neuen Werkgruppe oder einer Farbwahl inspiriert; es ist ihr privates und kulturelles Umfeld, das ihr den Ideenfundus sichert.

Zum ersten Mal sehr deutlich wird das in ihrer Werkreihe zum «Progetto Siciliano», mit dem Rita Ernst Anfang der 1990er Jahre beginnt, als sie sich parallel zu ihrem Leben in Zürich einen zweiten Lebensmittelpunkt in Umbrien aufbaut. Fasziniert und inspiriert durch die italienischen sakralen und profanen Baudenkmäler arabisch-normannischer Herkunft, beschafft sie sich Pläne von Kirchen, Kathedralen, Palazzi und Gärten und transferiert diese dann in mehreren Arbeitsschritten in ihre Gemälde. Dieser Transfer bedeutet jedoch weit mehr als ein striktes Vorgehen nach Raumplänen. Rita Ernst greift zwar vorhandene Raum- und Massverhältnisse auf, doch konfrontiert sie diese mit einer eigenen und subjektiv orientierten, mithin originären Interpretation von Ordnungsprinzipien. Durch Rotation, Spiegelung und Verdopplung sowie mithilfe eines spezifischen Farbkanons gelingen ihr Kompositionen, die nur noch entfernt an ihre Vorbilder erinnern.

Auch in einer Werkreihe von horizontal-vertikal angelegten Kompositionen, die sie 1997 beginnt, wird dieser Prozess anschaulich: 1997 verliert Rita Ernst durch ein starkes Erdbeben in Umbrien ihr dortiges Atelier und zieht deshalb nach Sizilien. Unter Verwendung von seismografischen Aufzeichnungen des Erdbebens, die sie in einem Magazin sieht, nimmt sie die Arbeit an einer neuen Werkgruppe auf. Die auf vertikale und horizontale Strukturen aufgebauten Aufzeichnungen stellen den genauen Ort und die Zeit eines Erdbebens da. Beschleunigung, Geschwindigkeit und Bodenbewegung werden auf diese Weise dokumentiert. Das interessiert Rita Ernst, denn es ist immer wieder das Verhältnis zwischen Inhaltlichkeit und geometrischer Struktur, das die Künstlerin inspiriert.

Doch es kann auch eine kleine, in pistazienfarbenes Papier eingewickelte Süssigkeit sein, die sie vor einem Bild zu einer bestimmten Farbwahl inspiriert. Rita Ernst findet äussere Anlässe, um so zu weiteren, nämlich ihren spezifisch logisch-intuitiven, mathematisch-strukturellen, malerischen Überlegungen zu kommen. Eine Vielzahl jener Quellen, die die Künstlerin für ein neues Thema begeistern, konnten im «Think Tank» entdeckt werden. All diese Relikte, Herleitungen, Skizzen, Objekte des Alltags machten deutlich, dass es Rita Ernst gelingt, die Grenzen zwischen der äusseren Welt und ihrer strukturellen Ordnung zu verwischen, und sie in eine reine Malerei zu überführen.

Dorothea Strauss *1960 in Braunlage, Kunsthistorikerin, ehemalige Direktorin des Museums Haus Konstruktiv in Zürich

The intuition of logic / 2009

On the “Think Tank” by Rita Ernst at Haus Konstruktiv

The cabinet arranged as a “Think Tank” within Rita Ernst’s solo exhibition at Haus Konstruktiv was a gamble. Not, for instance, because in contrast to her painting, the presentation – at least at first glance – appeared surprisingly personal. Instead, the risk in this experiment was that Rita Ernst revealed her pool of her ideas, her sources of inspiration, in such a way that the understanding of how her paintings are constructed and what her artistic influences are took on a pronounced pedagogic tone. Now, it could well be said that this is indeed the purpose of a museum or exhibition. However, in relation to Rita Ernst’s highly characteristic geometrically and narratively arranged visual language, the question did actually arise as to whether an excessively forced and personally oriented illumination of her artistic ideas would be self-detrimental. Either because this could weaken the autonomous effect of the paintings or – even more precariously – because too much backstage info would appear too laboured. After all, not only were sketches and preliminary drawings adorning the walls, but four table display cases were also richly populated with highly diverse material.

Due to these considerations, Rita Ernst first reacted only hesitantly to this curatorial project, but to come to the point: the “Think Tank” was a resounding success and had – both on the public and on the artist herself – a lasting effect, which sharpened the reception of her work. Why?

Already as a young artist, Rita Ernst begins an intense examination of a geometric language of forms: she plays with horizontals, verticals and diagonals, registering them in a square grid, which then serves her as a basis for her paintings. She tries out additive strategies, superimpositions and combinatorial constellations. Her early paintings are thus always preceded by series of systematic studies on graph paper. And because Rita Ernst lives and works not only in Trapani, Sicily but, above all, also in Zurich, her works are automatically and repeatedly received as filiations of the Zurich Concretists and, in view of their rational conception, primarily compared with the œuvre of Richard Paul Lohse. This has advantages and disadvantages: on the one hand, she is thus incorporated into a locally anchored context which is recognised within art history. This solidifies her artistic recognition and significance with regard to a cross-generational dialogue.

On the other hand, however, the comparison with Lohse or even with Bill weakens her own artistic language, because it falls short in terms of both content and formal aesthetics, masking out her intuitive and subjective visual decisions. And precisely this individual, subjective approach was made clear and traceable in the “Think Tank”. Because, unlike the Zurich Concretists, Ernst does not proceed from a basis of mathematical or purely geometric, structural relationships, but instead always finds the starting point for her paintings in the world of objects. It is everyday life which inspires her for each new work, new body of works, or choice of colour; it is her private and cultural environment which ensures her a pool of ideas.

This becomes very clear for the first time in her “Progetto Siciliano” series of works, which Rita Ernst begins in the early 1990s while setting up a second home in Umbria, alongside her life in Zurich. Fascinated and inspired by the Italian sacral and secular historical buildings of Arabic and Norman origins, she acquires floor plans of churches, cathedrals, palazzi and gardens, then transfers them to her paintings via a series of work steps. However, this transfer means much more than a strict procedure based on floor plans. Although Rita Ernst does pick up on existing spatial and dimensional relationships, she confronts them with her own subjectively oriented, and thus distinct, interpretation of organising principles. By means of rotation, reflection and duplication, and with the aid of a specific canon of colours, she achieves compositions which are only distantly reminiscent of the models on which they are based.

Also in a series of horizontally and vertically structured compositions, which she begins in 1997, this process comes to the fore: in 1997, Rita Ernst loses her studio in Umbria to a powerful earthquake and thus moves to Sicily. Using seismographic recordings of the earthquake, which she sees in a magazine, she begins working on a new body of works. The recordings, based on vertical and horizontal structures, represent the exact time and place of an earthquake. In this way, acceleration, speed and ground motion are documented. This interests Rita Ernst, because it is the relationship between content and geometric structure that repeatedly inspires this artist.

But it can also be a small sweet wrapped in pistachio-coloured paper which inspires her to choose a particular colour before starting a painting. Thus, Rita Ernst finds external inducement to come up with new concepts, namely her specifically logical, intuitive, mathematically structural, pictorial concepts. In the “Think Tank”, it was possible to discover a myriad of those sources which enthuse the artist for a new theme. All of these relics, derivations, sketches and everyday objects made it clear that Rita Ernst succeeds in blurring the boundaries between the outer world and her structural order, and in transferring them to a pure form of painting.

Dorothea Strauss *1960 in Braunlage, art historian, former director of the Museum Haus Konstruktiv in Zurich